Heute war die U5, die fünfte "Vorsorgeuntersuchung", sowas wie der Baby-TÜV. Man kann es drehen und wenden, wie man will, Kinderarztbesuche sind unberechenbar und immer ein Erlebnis. Eigentlich nicht die Kinderarztbesuche, lediglich die Kinder.
Nach einem gemütlichen Spaziergang kam ich mit dem Kurzen an, trug ihn hoch und schon kam die erste Reklamation - lautstark natürlich und natürlich noch bevor ich im Wartezimmer mit ihm Platz nehmen konnte. Es macht immer Spaß, mit einer Hand in der Geldbörse nach der Versicherungskarte zu suchen, in der anderen den Kleinen zu halten, der just in diesem Augenblick beschließt sein erstes Turnabzeichen zu erhalten und mit der dritten in der Wickeltasche nach dem "U"-Heft zu suchen, in dem die Untersuchungsergebnisse eingetragen werden sollen. Ups, ich habe keine dritte Hand, also improvisieren. Eine Mutter, der die Probleme offenbar bekannt sind, schmunzelt ein wenig süffisant.
Als alle Papiere herausgekramt sind, hört der Bewegungsdrang des jungen Erdbewohners schlagartig auf, stattdessen erwacht in ihm der Forschtrieb, den er durch Ergreifen der väterlichen Brille nebst Haarbüschel sofort für sich befriedigen, für mich schmerzhaft, in die Tat umsetzt. Also ab ins Wartezimmer, dort will ich ihn aus der Sommerjacke befreien, was ihn dazu animiert sein flehendlichstes Wimmern anzustimmen und alle Blicke auf uns zieht.
Endlich sitzen wir, da schweift sein Blick umher und er sieht neben uns ein anderes, etwa zwei Jahre altes Kind, das auf Papas Schoß herumturnt. "Das will ich auch" vermittelt sein Gesichtsausdruck und ein laut glucksendes Geräusch und er bemüht sich mit allen Mitteln aufzustehen. Nun ist das mit 7 Monaten natürlich nicht ganz so leicht, wie er das gerne haben möchte. Gothseidank ist Papa da und mit ein wenig Hilfe schafft er es auch -für ihn offenbar zufriedenstellend - zu stehen. Einen Augenblick später reicht das aber nicht mehr. Alle Bemühungen nun zu tanzen, zu gehen, zu laufen, zu renne, zu hüpfen oder sich anderwärtig stehend zu bewegen scheitern. Strafende Blicke trafen mich, als hätte ich nicht genug geholfen, damit er seine Pläne umsetzen kann.
Wir werden aufgerufen, alles zusammenpacken, ab in das Untersuchungszimmer. Ausgezogensein ist wundervoll, wenn nur das Ausziehen nicht wäre. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wussten alle Menschen im Umkreis der nächsten drei Häuserblocks, dass ein Baby in der Kinderarztpraxis ist.
Hier möchte ich bemerken, dass es unterschiedliche Schreitypen gibt:
Es gibt die leichte Unmutsbekundung, die beginnt mit einem leisen Wimmern und wird von einem Kontrollblick begleitet, meist erklingt sie, wenn der junge Erdebürger Aufmerksamkeit oder Abwechslung wünscht. Dieses Schreien endet oft abrupt ohne äußeres Zutun, weil irgendwas passiert, dass den Schreihals kurz ablenkte.
Als zweites Gebrüll sollte man das Hungerschreien genauer betrachten. Je nach Kind ist es unterschiedlich laut und unterschiedlich heftig, es hat aber eine Eigenheit: es ist hartnäckig. Wenn man also rätselnd vor dem Baby steht und das Gebrüll, wie eine Endlosschleife mit einem sich ständig wiederholendem Muster erklingt, dann ist es vermutlich Hunger.
Natürlich gibt es auch das Gegenteil. Wie sich eine volle Windel genau anfühlt, kann und will ich mir nicht vorstellen, aber wenn ohne echte Vorwarnung auf einmal ein ziemliches Geschrei erklingt, dann lohnt es sich, einen Blick zu riskieren (ist zwar auch eklig, aber meines Erachtens nach besser und zuverlässiger als an der Windel zu riechen)
Müdigkeit ist auch ein Grund zu weinen. Es ist ja gut nachvollziehbar: man erlebt so viel neues und lernt jeden Tag, ja jeden Augenblick dazu, da ist es schon wirklich fies von der Natur eingerichtet, dass man gerade in dieser spannenden Zeit schlafen muss. Das "ich-bin-nicht-müde" Gewimmer ist mit Abstand das nervendste, denn man kann egal wie sehr man versucht zu helfen, nichts machen. Mal hilft eine Spieluhr, mal hilft das Lieblingsspielzeug, mal hilft es einfach im gewohnten Bett zu liegen, mal hilft gar nichts.
Und dann gibt es noch etwa zweitausend andre Gründe, um zu schreien. Aber richtiges Gebrüll gibt es nur dann, wenn man sich in der Öffentlichkeit bewegt, wie z.B. beim Kinderarzt heute. Die Faustregel ist ganz einfach: je kleiner die Ursache und je größer das Publikum, desto lauter das Geschrei. Heute ging es in drei Phasen: ausziehen, messen/wiegen und als der Arzt den Raum betritt.
Manchmal wüsste ich einfach gerne, ob alle Erwachsenen bei jedem Kinderarztbesuch rot werden. Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass ich der einzige bin.
Und zum Abschluss noch die Fakten: 72cm, 9520g, Kopfumfang von 46cm und kerngesund der Herr Dickkopf.